Der Polit-Kompass: Eine neue VAA zum aufkeimenden Populismus [German]

Erschienen auf Regierungsforschung.de (CC BY-NC-SA Lizenz)

Von Jan Philipp Thomeczek, Norbert Kersting, André Krouwel, Susan Banducci, Lorenza Antonucci, Carlo D’Ippoliti, Andrei Zhirnov, Laszlo Horvath, Christian Mongeau

Mit der Covid19-Pandemie haben bei Wahlen digitale Beteiligungsinstrumente und insbesondere Onlinewahlhilfen (Voting Advice Application, VAA) einen besonderen Stellenwert erlangt (Kersting 2021). Mit dem Polit-Kompass wurde ein Tool entwickelt, das bei der politischen Orientierung unterstützen soll und gleichzeitig eng an die politikwissenschaftliche Forschung angebunden ist. Dabei umfasst er neben einer allgemeinen Links-Rechts-Dimension auch eine Populismus-Dimension

Der Polit-Kompass: Eine neue VAA zum aufkeimenden Populismus

Mit der Covid19-Pandemie haben bei Wahlen digitale Beteiligungsinstrumente und insbesondere Onlinewahlhilfen (Voting Advice Application, VAA) einen besonderen Stellenwert erlangt (Kersting 2021). Mit dem Polit-Kompass wurde ein Tool entwickelt, das bei der politischen Orientierung unterstützen soll und gleichzeitig eng an die politikwissenschaftliche Forschung angebunden ist. Dabei umfasst er neben einer allgemeinen Links-Rechts-Dimension auch eine Populismus-Dimension, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Der Polit-Kompass soll dabei allgemeine politische Konflikte abdecken, die zu Wahlkampfzeiten besondere Brisanz erfahren, aber eben auch außerhalb von Wahlen für Diskussionen sorgen.

 

Die Kompass-Familie

 

Online-Wahlhilfe Tools wie der Polit-Kompass werden in der politikwissenschaftlichen Forschung als Voting Advice Applications (VAAs) bezeichnet (Thomeczek, im Erscheinen). Als „issue matching systems“ (Ladner & Fivaz, 2012, S. 178) vergleichen sie die Positionen der Nutzerinnen und Nutzer mit den Positionen des politischen Angebots, in diesem Fall also von Parteien. Das Ergebnis basiert dabei auf der Zustimmung zu verschiedenen, meist zwischen 20 und 40, gerichtet formulierten Thesen, für die auch Parteipositionen vorliegen. Die Ergebnisse werden zunächst für jede These einzeln berechnet. In mehrdimensionalen Räumen kann das Ergebnis auch direkt als Distanz zu den einzelnen Parteien dargestellt werden.

Bei der Aggregierung der Ergebnisse wählen VAAs unterschiedliche Ansätze, die als High Dimensional Matching und Low Dimensional Matching bezeichnet werden (Mendez, 2014). Im High Dimensional Matching stellt jede These eine eigene Dimension dar. Als Gesamtergebnis wird hier meist ein Ranking mit einem Prozentwert dargestellt, der angibt, wie stark die Übereinstimmung gemessen an der maximal möglichen Übereinstimmung ausfällt. In Deutschland nutzen beispielweise der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung oder der WahlSwiper diese Darstellungsmethode. Werden die Positionen zu einer oder mehreren Dimensionen aggregiert, spricht man vom Low Dimensional Matching. Hier werden die Thesen den verschiedenen Dimensionen zugeordnet, sodass für jede Dimension eine eigene Position ermittelt werden kann. Besonders weit verbreitet ist hierbei eine zweidimensionale Darstellung, die beispielsweise von der Kieskompas-Familie (Krouwel et al., 2012), zu der auch der deutsche Wahl-Kompass gehört (Thomeczek et al., 2019), oder dem schweizerischen Smartvote genutzt wird. Ein zweidimensionales Koordinatensystem erlaubt dabei eine enge Anbindung an die politikwissenschaftliche Forschung (Marks et al., 2006).

 

Auswahl und Zuordnung der Thesen

 

Im PRECEDE Projekt steht der länderübergreifende Vergleich im Vordergrund. Um die Positionen von Parteien und Wahlberechtigten in zehn Ländern (Niederlande, Rumänien, Deutschland, Ungarn, Frankreich, Tschechien, Spanien, Großbritannien, Italien und Schweden) miteinander zu vergleichen, mussten wir zunächst Thesen identifizieren, die für einen solchen Vergleich geeignet sind und die politischen Konflikte in allen Ländern gut abbilden können. Aus diesem Grund wurden zunächst Daten der europäischen VAA EU and I analysiert. Das Projekt bietet bereits seit 2009 (damals unter dem Namen EU Profiler) VAAs zur Europawahl an (Reiljan et al., 2020). Die Positionsdaten der Parteien werden für alle Mitgliedstaaten erhoben, sodass 2019 unsere zehn Länder abgedeckt wurden. Mithilfe dieser Daten können also länderübergreifende politische Dimensionen identifiziert werden.

Mithilfe von dimensionsreduzierenden Verfahren wurden zunächst besonders hochskalierende Thesen auf der Ebene der Partei und der Ebene der Nutzerinnen und Nutzer identifiziert. Auf Basis der EU and I-Daten zeigt sich, dass eine zweidimensionale Verortung einen Großteil der Information sinnvoll zusammenfassen kann. Diese beiden Dimensionen lassen sich aufgrund theoretischer Überlegungen als Pro/Anti-EU-Dimension und Links/Rechts-Dimension bezeichnen. Erstere stellt dabei eine Besonderheit der VAA dar, da viele EU-spezifische Thesen vorliegen. Die Links-Rechts-Dimension umfasst dabei sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Positionen, ist also eine allgemeine „Super Dimension“,  auf der sich die meisten Konflikte einordnen lassen und die in der Forschung immer wieder diskutiert wurde (Gabel & Huber, 2000). Dies steht im Kontrast zu den meisten EU VAAs wie EU and I und die VAAs der Kieskompas-Familie zur Europawahl, die die EU-Dimension in die gesellschaftliche Dimension integriert und die Links-Rechts-Dimension auf den wirtschaftlichen Konflikt beschränkt hatten.

Da das PRECEDE-Projekt in besonderer Weise auf die Messung von populistischen Positionen abzielt, wurden zudem Populismus-Items aus der Individualforschung aufgenommen (Castanho Silva et al., 2020). Hierbei wurde sich am ideellen Ansatz der Populismusforschung orientiert (Mudde, 2017), der den Konflikt zwischen zwei homogenen Gruppen zwischen Establishment/Elite und dem Volk/der Bevölkerung in den Vordergrund stellt. Die Wichtigkeit dieser neuen populistischen Konfliktlinie hat in den letzten Jahren stark zugenommen (Norris & Inglehart, 2019; Schäfer & Zürn, 2021). Dies trifft insbesondere auch auf die politische Landschaft in Deutschland zu, die seit 2013 durch eine populistisch auftretende AfD beeinflusst wurde.

Der so gebildete Thesen-Pool wurde mit Thesen aus weiteren Analysen und Umfragen zu neueren Entwicklungen (beispielsweise im Bereich der Umweltpolitik) ergänzt. Ziel ist es dabei, in den jeweiligen Tools der zehn Länder eine möglichst hohe Überlappung an Thesen zu erreichen. Gleichzeitig erkennen wir dennoch an, dass einige politische Konflikte zu nationalspezifisch sind, wofür individuelle Thesen nötig sind. Die wahlspezifischeren Themen werden durch das zweite Tool, welches wir zur Bundestagswahl entwickeln, den Wahl-Kompass, stärker in den Fokus genommen (Veröffentlichung im August 2021).

 

Expert Survey PEPS

 

Zur Bestimmung der Parteipositionen im Polit-Kompass wurde eine Befragung unter Expertinnen und Experten (Party Positioning Expert Survey, PEPS) durchgeführt. Hierzu wurden 237 Personen, die zu Parteien in Deutschland forschen, zur Befragung eingeladen. 87 Personen haben die Befragung mindestens begonnen, wobei die Befragten auswählen konnten, welche Parteien sie positionieren möchten und Thesen überspringen konnten. Zur Auswahl standen alle Parteien, die mindestens einen Sitz bei der Europawahl 2019 gewonnen hatten – neben den Bundestagsparteien also auch Die PARTEI, Piraten, Volt, Freie Wähler, ÖDP, Familien-Partei und Tierschutzpartei. Die Befragung hatte zum Ziel, die verschiedenen Parteien bezüglich der ausgewählten Thesen zu positionieren, also die Thesen aus Sicht der Partei zu beantworten, sodass diese zur Berechnung der Parteiposition im Polit-Kompass zugrunde gelegt werden kann. Hierzu stand eine fünfstufige Likert-Skala zur Verfügung. Auf der (inhaltlichen) Policy-Ebene umfassten die Thesen Positionen der wirtschafts- und sozialpolitischen Dimension, der gesellschaftlich-kulturellen Dimensionen und der EU-Dimension. Darüber hinaus haben wir auch einige Survey-Items der Populismusforschung auf Individualebene für unsere Umfrage ausgewählt. Insbesondere die Thesen zur Populismus-Dimension waren in der Befragung für uns von großem Interesse, da diese mit einer nachweisbasierten Kodiermethode der Parteipositionen, die wir für den Wahl-Kompass normalerweise anwenden, mangels konkreter Textnachweise nicht umzusetzen wäre; hierzu sind die Populismus-Items aus der Survey Forschung in der Regel zu spezifisch formuliert (zum Beispiel: „Regierungsmitglieder nutzen ihre Macht, um das Leben der Menschen zu verbessern.“). Diese Methode wurde von PRECEDE erstmals für die Positionierung von Parteien angewendet, wobei ein ähnliches Vorgehen bereits für ein Guardian-Projekt mit der Positionierung von internationalen Politikerinnen und Politikern umgesetzt wurde (Lewis et al., 2018). Gleichzeitig können so die Positionierungen der Parteien mit den Positionen der (potenziellen) Wählerinnen und Wählern verglichen werden.

 

Generierung der Parteipositionen im Polit-Kompass

 

Die individuellen Positionen der Befragten je Partei und These mussten zunächst aggregiert werden. Andere politikwissenschaftliche Expertenumfragen, wie die regelmäßig durchgeführte Chapel Hill Expert Survey (Bakker et al., 2019), nutzen dazu häufig den Mittelwert der Positionen. Da der Mittelwert jedoch anfällig für Ausreißerwerte ist, sind andere Maße der zentralen Tendenz wie der Modalwert oder der Median zu bevorzugen (Lindstädt et al., 2020). Allerdings hat dies bei reinen Ordinalskalen den Nachteil, dass möglicherweise keine eindeutigen Werte bestimmt werden können, da mehrere Werte in Frage kommen können. Beim Polit-Kompass wurde daher ein mehrstufiges, hierarchisch aufgebautes Verfahren zur Aggregierung der Parteipositionierungen eingesetzt. Zunächst wurden alle Thesen-Partei-Kombinationen von der Aggregierung ausgeschlossen, für die weniger als fünf Positionierungen vorlagen. Die umfasst die Tierschutzpartei und die Familien-Partei vollständig, die daher nicht aufgenommen wurden, sowie einige Thesen für die kleineren Parteien, die nicht im Bundestag vertreten sind. Im ersten Schritt haben wir die mehrheitlich ausgewählte Antwortkategorie (Modalwert) der Expertinnen und Experten als Parteiposition herangezogen. In den Fällen, in denen dies nicht möglich war, weil mehrere Antwortkategorien gleichhäufig ausgewählt wurden, wurde der Median berechnet. Wenn auch der Median nicht eindeutig bestimmt werden konnte, weil er genau zwischen zwei Antwortkategorien lag, haben wir den Mittelwert herangezogen. Mithilfe des Mittelwerts haben wir in dem Fall eine Rundungstendenz ermittelt (Auf- oder Abrundung), sodass in jedem Fall eine der fünf Antwortkategorien als finale Parteiposition bestimmt werden konnten.

Um aus den Thesenpositionen der Parteien eine politische Landschaft zu entwickeln, ist eine Zuordnung der einzelnen Thesen zu den zwei Dimensionen notwendig. Aufgrund der Analysen der EU and I-Daten und inhaltlicher Überlegungen lag bereits eine A-Priori-Verortung vor. Da nun jedoch die Populismus-Thesen neu aufgenommen wurden und eine Reduzierung auf 30 Thesen angestrebt wurde, wurde die Zuordnung erneut empirisch überprüft. Hierbei hat sich gezeigt, dass eine zweidimensionale Verortung einen Großenteil der Informationen zusammenfassen kann. Die Links-Rechts-Dimension fungiert hier wieder als „Super Dimension“, die sowohl wirtschafts-sozialpolitische als auch gesellschaftlich-kulturelle Konflikte umfasst. Auf der zweiten Dimension sind die Populismus-Thesen und EU-Thesen verortet. Hier zeigt sich, dass EU-kritische Haltungen mit populistischen Einstellungen einhergehen.

Dass Populismus- und EU-bezogenen Thesen auf einer Dimension verortet sind, mag zunächst überraschen, da die meisten Populismus-Definitionen wie der ideelle Ansatz keine EU-Dimension einschließen. Viele populistische Parteien stellen die EU jedoch regelmäßig als elitäres Konstrukt dar. Der Zusammenhang wird auch bei einer Analyse in Abbildung 1 sichtbar. Hier sind zwei Variablen, der Populismusgrad und die Unterstützung für die Europäische Integration, aus dem POPPA, dem Populism and Political Parties Expert Survey (Meijers & Zaslove, 2020), dargestellt, der weiter unten auch zur Validierung unserer Ergebnisse herangezogen wird. Obwohl auch sowohl EU-freundliche populistische Parteien als auch EU-kritische unpopulistische Parteien existieren, wird deutlich, dass die meisten populistischen Parteien sehr negativ gegenüber der europäischen Integration eingestellt sind.

Abbildung 1. Zusammenhang zwischen Populismusgrad und Unterstützung für die Europäische Integration im Populism and Political Parties Expert Survey (POPPA).

 

Die politische Landschaft im Polit-Kompass

 

Die politische Landschaft in unserem Polit-Kompass besteht folglich aus zwei Dimensionen: einer Links-Rechts „Super Dimension“, die die wichtigsten politischen Fragen in rechte und linke Positionen einteilt, und eine Populismus-EU Dimension, die zwischen populistisch/EU-kritisch und unpopulistisch/EU-freundlich unterscheidet. Zur Berechnung der Positionen nutzt der Polit-Kompass den Mittelwert, wozu umgekehrt formuliert Thesen rekodiert wurden. Durch die Kombination der beiden Positionen ergibt sich die politische Landschaft, die in Abbildung 2 dargestellt ist.

Im Quadranten rechts unten, der unpopulistische und rechte Positionen kombiniert, ist das „bürgerliche Lager“ mit CDU, CSU und FDP positioniert. Von den drei Parteien ist die CSU am weitesten rechts positioniert, exakt zwischen dem rechten Pol und der Mitte. Die FDP ist näher an der Mitte verortet als die Unionsparteien. Sie vertritt klar wirtschaftsliberale Positionen, beispielsweise in Bezug auf den Kündigungsschutz, Steuererhöhungen beziehungsweise -senkungen und Umverteilung. Allerdings wird sie durch gesellschaftspolitisch liberale Positionen, die CDU und CSU meist nicht vertreten, „nach links“ gezogen. Beispielhaft für gesellschaftspolitische liberale Positionen stehen die Positionen der FDP bei den Themen Abtreibung, Cannabislegalisierung und Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare. Die Freien Wähler nehmen ähnliche Mitte-Rechts Positionen wie die CDU ein, sind aber auf der vertikalen Populismus-Achse deutlich weiter oben, in etwa auf Höhe der Mitte, positioniert. Im Vergleich zu CDU, CSU und FDP sind sie also zweifelsohne populistischer, aber keineswegs klar populistisch verortet. Die AfD steht auf der Links-Rechts-Achse noch weiter rechts als die vier Parteien, setzt sich aber vor allem dadurch ab, dass sie stark populistische positioniert ist. Sie stimmt fast allen Populismus-Thesen in vollem Umfang zu beziehungsweise lehnt umgekehrt formulierte Thesen stark ab. Auch wenn verschiedentlich die inhaltliche Nähe von AfD und Unionsparteien in einigen Punkten betont werden, so zeigt sich hier deutlich, wie weit diese auf der Populismus-Dimension auseinander liegen.

Abbildung 2. Zweidimensionale politische Landschaft im Polit-Kompass.

Im „linken Lager“ ist das Bild etwas diffuser. Zunächst ist auffällig, dass mit Ausnahme der Freien Wähler auch alle Kleinstparteien (Piraten, Die PARTEI, ÖDP und Volt) links der Mitte verortet sind. Grüne, Die Partei und Die Linke stehen auf der Links-Rechts-Achse am weitesten links. Dies bedeutet jedoch nicht, dass beide Parteien identische Positionen vertreten. Die Grünen sind im Bereich der wirtschafts- und sozialpolitischen Thesen etwas gemäßigter positioniert, wohingegen dies auf Die Linke bezüglich der Themen Umweltschutz und Migration zutrifft. Letzteres ist sicherlich auch Ausdruck des Umstandes, dass die ehemalige Fraktionsvorsitzende Wagenknecht die innerparteiliche Debatte hierzu immer wieder angeheizt hat. Volt und Piraten sind insgesamt näher an der Mitte verortet als Grüne und Linke, SPD und ÖDP noch weiter. Auf der vertikalen Populismus-Achse zeichnen sich zwei Pole ab. Die SPD wird hier als am wenigsten populistisch verortet und nimmt eine ähnliche Position auf der Dimension wie die CSU ein. Am anderen Ende steht Die Linke, deren Position in etwa zwischen dem populistischen Extrempol und der Mitte liegt. Damit ist sie innerhalb des linken Lagers die populistischste Partei, jedoch deutlich weniger populistisch als die AfD verortet. Die Grünen und Volt sind unterhalb der Mittellinie positioniert, Die PARTEI, Piraten und ÖDP etwas über dieser Grenze. Sie vertreten hier gemischte Positionen, die sich gegenseitig ausgleichen.

 

Validierung der Parteipositionen im Polit-Kompass

 

Inwiefern kommen andere politikwissenschaftliche Expert Surveys zu ähnlichen Ergebnissen? Hierzu wurden die Einordnungen im Polit-Kompass mit den Einordnungen aus drei anderen Projekten, der PopuList (Rooduijn et al., 2020), der Populist and Political Parties Expert Survey (POPPA, Meijers & Zaslove, 2020) und der Chapel Hill Expert Survey (CHES, Bakker et al., 2019). Bevor die Ergebnisse dieser Projekte miteinander verglichen werden, müssen die Unterschiede der Befragungsformen diskutiert werden. Die Positionierung von Parteien anhand spezifischer Statements wird zum Teil im Kontext von VAA-Entwicklungen angewendet (zum Beispiel im Rahmen der sogenannten Delphi-Methode, siehe Gemenis, 2015), ist für Befragungen unter Expertinnen und Experten aber eher unüblich. Zur Entwicklung von VAAs ist sie jedoch nötig, um die Übereinstimmung zwischen Parteien und Nutzerinnen und Nutzern zu berechnen. Die meisten Befragungen fragen hierzu die Einstufungen auf den verschiedenen Dimensionen direkt ab, in der Regel mit elfstufigen Skalen. CHES und POPPA erheben zusätzlich zu einer allgemeinen Links-Rechts Dimension, wie sie auch im Polit-Kompass genutzt wird, eine wirtschaftliche Achse; CHES zudem auch eine eigene gesellschaftliche Dimension (GAL-TAN). Der CHES erhebt zwar weitere Subdimensionen zu einzelnen Policies wie zur staatlichen Intervention, zum Umweltschutz oder zur Unterstützung von Multikulturalismus, jedoch werden diese unabhängig von der Gesamteinstufung erhoben. Der Polit-Kompass hingegen aggregiert die Einzelstatements zu einer Dimension. Hierbei fließen keine Gewichte ein – anders als Beispiel beim Populismusgrad in POPPA, der sich aus der gewichteten Einordnung der Subdimensionen „Manichean“, „Indivisble“, „Generalwill“, „Peoplecentrism“ und „Antielitism“ zusammensetzt (Meijers & Zaslove, 2020). Zur Vergleichbarkeit wurden alle Variablen reskaliert, so dass diese nur Werte zwischen 0 und 100 einnehmen können.

In Abbildung 3 ist der Vergleich der Links-Rechts Einordnung im Polit-Kompass (Y-Achse) mit der allgemeinen Links-Rechts Einordnung (lrgen) im CHES dargestellt. Die gestrichelten Linien zeigen jeweils den mittleren Skalenpunkt an, die schwarze Diagonale den perfekten Zusammenhang, der vorliegt, wenn die (reskalierte) Position aus dem Polit-Kompass exakt der Position im CHES entspricht. Es ist zu erkennen, dass die Parteipositionen relativ nahe in der Diagonalen liegen. Die größten Abweichungen liegen für die Grünen vor, die im Polit-Kompass linker eingestuft werden. Dieser Umstand könnte auf zwei Faktoren zurückzuführen sein. Zum einen nehmen umweltpolitische Statements (2/18) aufgrund der steigenden Bedeutung dieses Themas einen relativ großen Raum im Polit-Kompass ein. Zum anderen könnte dies auch eine tatsächliche Positionsverschiebung der Grünen andeuten. Nichtsdestotrotz sind die Abweichungen insgesamt gering, selbst die Kleinstpartei Piraten, für die weniger Einschätzungen durch Expertinnen und Experten vorliegen als für die großen Parteien, wird in beiden Befragungen sehr ähnlich eingeschätzt.

Abbildung 3. Zusammenhang zwischen der Links-Rechts Dimensionen im Polit-Kompass (Y-Achse) und CHES (X-Achse).

Im nächsten Schritt wird die Einordnung auf der Populismus-Skala verglichen (Abbildung 4). Ein direkter Vergleich der Polit-Kompass-Werte mit dem Populismusgrad aus POPPA zeigt zunächst, dass Parteien sich in den Quadranten links unten oder rechts oben befinden. Das bedeutet, dass alle Parteien, die bei POPPA einen Wert von über 50/100 erreicht haben, auch im Polit-Kompass mit einen Populismus-Wert von über 50/100 eingestuft sind (und umgekehrt). Mit anderen Worten, wenn die Skalenmitte als Grenze für die Klassifizierung als populistische bzw. nicht-populistische Partei herangezogen wird, kommen beide Befragungen zum gleichen Ergebnis. Dies gilt auch für die binäre Einordnungen in der PopuList, die farblich hervorgehoben sind. In der Grafik rot markierte Parteien werden dort als nicht-populistisch, blaue markierte Parteien (Linke und AfD) als populistisch verortet. Sowohl Die Linke als auch die AfD werden auch im Polit-Kompass oberhalb des Mittelwertes platziert. Die große Gemeinsamkeit ist beachtlich, da die drei Befragungen methodisch sehr unterschiedlich vorgehen (Aggregierung auf der Basis von Survey Items im Polit-Kompass, gewichtete Aggregierung von Subdimensionen bei POPPA, binäre Klassifizierung in der PopuList). Der innerhalb der linkspopulistischen Parteienfamilie eher geringe Populismusgrad der Linken wurde in der vergleichenden Parteienforschung immer wieder diskutiert (Hough & Keith, 2019; March, 2011; March & Mudde, 2005). Auf Seiten der AfD besteht spätestens seit dem Ausscheiden von Parteigründer Lucke innerhalb der vergleichenden Populismusforschung kaum noch Zweifel, dass es sich um eine klassische rechtspopulistische Partei handelt, die in anderen europäischen Ländern bereits seit vielen Jahren erfolgreich agieren (Häusler, 2018; Heinisch & Werner, 2019; Lewandowsky et al., 2016).

Einige Parteien sind im Polit-Kompass etwas populistischer eingeordnet als bei POPPA, so die Grünen, FDP, im geringeren Maße auch CDU und SPD. Dies ist vor allem auf die Auswahl der Populismus-Items im Polit-Kompass zurückzuführen, die auf Survey Items basieren (Castanho Silva et al., 2020). Durch die Ergänzung um das Thema Volksentscheide auf Bundesebene kommt der Volkszentrierung (People-Centrism) ein stärkeres Gewicht zu. Diese Dimension ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Populismus, da diese auch unter vielen größeren Parteien verbreitet ist (Jagers & Walgrave, 2007; Lewandowsky et al., 2016; March, 2017). Die Variable „Peoplecentrism“ bei POPPA ist hingegen schon so konstruiert, dass sie den konkreten Gegensatz zwischen Bevölkerung und Elite aufgreift.1 Entsprechend fallen also die Einordnungen auf dieser Subdimension für nicht-populistische Parteien bei POPPA niedriger aus. Hier zeigt sich auch der Zielkonflikt bei der Konstruktion von politischen Landschaften für Voting Advice Applications, da manche Items auf der Ebene der Wahlberechtigten möglicherweise anders skalieren als auf der Parteiebene (Mendez, 2014).

Insgesamt zeigt sich also, dass sich trotz der sehr unterschiedlichen Ansätze eine große Übereinstimmung zu anderen politikwissenschaftlichen Befragungen unter Expertinnen und Expert ergibt. Zusätzlich werden im Polit-Kompass aber auch etablierte Kleinstparteien wie die Piraten, die PARTEI, die Freien Wähler oder Volt verortet, die in den meisten anderen Befragung nicht positioniert wurden.

Abbildung 4. Zusammenhang zwischen Populismus-Dimensionen im Polit-Kompass (Y-Achse), POPPA (X-Achse) und PopuList (rot=nicht populistisch, blau=populistisch).

 

Fazit

 

Der Polit-Kompass stellt eine neue VAA dar, die auch unabhängig von Wahlen bei der politischen Orientierung helfen soll und innovative politikwissenschaftliche Methoden kombiniert. Die Parteipositionen wurden dabei mithilfe eines Expert Surveys erhoben. Dabei verortet er die Nutzerinnen und Nutzer in einem zweidimensionalen Raum: auf einer Links-Rechts-Achse, die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Konflikte abbildet, und einer Populismus-Achse, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Die Entwicklung des Polit-Kompasses, die im Rahmen des Projekts PRECEDE erfolgt, ist dabei eng in die politikwissenschaftliche Forschung eingebettet und basiert auf der Analyse von VAA-, Partei- und Individualdaten. Die Parteien werden durch eine innovative Methode auf der Populismus-Dimension verortet, indem Parteien entlang validierter Populismus Survey Items platziert werden. So können Positionen von Parteien und ihren (potenziellen) Wählerinnen und Wähler direkt miteinander verglichen werden. Die Ergebnisse sind insgesamt valide, was der Vergleich zu anderen Projekten wie der CHES, der PopuList oder der POPPA zeigt – trotz unterschiedlicher methodischer Ansätze in der Verortung.

Literatur

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Zitationshinweis:

Thomeczek, Jan Philipp et al. (2021): Der Polit-Kompass : Eine neue VAA zum aufkeimenden Populismus, Kurzanalyse, Erschienen auf: regierungsforschung.de. Online Verfügbar: https://regierungsforschung.de/der-polit-kompass-eine-neue-vaa-zum-aufkeimenden-populismus/

This work by Jan Philipp Thomeczek, Norbert Kersting, André Krouwel, Susan Banducci, Lorenza Antonucci, Carlo D’Ippoliti, Andrei Zhirnov, Laszlo Horvath and Christian Mongeau is licensed under a CC BY-NC-SA license.

  1. Formulierung im Codebook: „Some parties believe that sovereignty should lie exclusively with the ordinary people (i.e. the ordinary people, not the elites, should have the final say in politics). Please tick the box that best describes the extent to which each party considers the ordinary people to be sovereign.” []