Hintergrund: Methodisches Vorgehen Polit-Kompass

Die politische Landschaft im Polit-Kompass

Der Polit-Kompass wurde von Kieskompas im Auftrag des internationalen Forschungsprojekts „Populims’s Roots: Economic and Cultural Explanations in Democracies of Europe“ (PRECEDE)” entwickelt. Das Projekt wird von der Volkswagen-Stiftung gefördert. Beteiligt sind Forscher:innen der Universitäten in Münster, Birmingham, Exeter, Rom und der Freien Universität Amsterdam. 

Zwei Dimensionen

Die politische Landschaft wird im Polit-Kompass auf zwei Dimensionen dargestellt. Die horizontale Achse unterscheidet zwischen politisch linken und rechten Positionen. Auf der vertikalen Achse wird zwischen populistischen/EU-kritischen und unpopulistischen/EU-freundlichen Positionen unterschieden. 

Die Fragen im Polit-Kompass wurden vom PRECEDE-Projektteam ausgewählt. Welche Fragen zu welcher Dimension gehören, wurde mithilfe von statistischen Analysen (dimensionsreduzierende Verfahren) und aufgrund theoretischer Überlegungen festgelegt. Alle Begriffe (Links, Rechts, Populismus) entsprechen dabei wissenschaftlichen Konzepten und sind wertneutral zu verstehen. Was sich genau dahinter verbirgt, wird in den nächsten Abschnitten erläutert.

Auswahl der Parteien und Bestimmung der Parteipositionen

Um die Positionen der Parteien zu ermitteln, wurde eine Umfrage unter wissenschaftlichen Parteiexpert:durchgeführt (Party Expert Positioning Survey, PEPS). Zu dieser Umfrage wurden über 200 Personen aus der Wissenschaft eingeladen, 87 haben sich an der Umfrage beteiligt. Die befragten Personen konnten dabei alle Parteien politisch positionieren, die mindestens einen Sitz bei der letzten Europawahl (2019) in Deutschland gewonnen haben. Dazu wurden den Expert:innen die einzelnen Thesen aus dem Polit-Kompass vorgelegt. Ziel war es, die aus ihrer Sicht am besten passende Position der jeweiligen Partei auszuwählen. Letztlich wurden alle Parteien und Fragen im Polit-Kompass berücksichtigt, für die mindestens fünf Expert:innen eine Positionierung angegeben haben.

Um die genaue Position für jede Frage einer Partei festzulegen, wurde die meistgenannte Kategorie (Modalwert) herangezogen. Sollte dies nicht eindeutig möglich sein (z.B. wenn zwei Kategorien gleich häufig ausgewählt wurden), wurde der Median herangezogen. Hat auch der Median keinen eindeutigen Wert ermitteln können (weil er z.B. genau zwischen zwei Kategorien liegt), wurde zusätzlich der Mittelwert herangezogen, um die Rundungstendenz (Auf- oder Abrundung) zu ermitteln.

Dimension auf der horizontalen Achse: Links-Rechts Dimension

Auf der horizontalen Achse wird zwischen “Links” und “Rechts” unterschieden. Diese Begriffe nutzen viele auch im Alltag. Auf der linken Seite sind dabei Positionen zu finden, die für eine starke staatliche Kontrolle der Wirtschaft, einen starken Sozialstaat, mehr Umweltschutz und einer liberalen Gesellschaft stehen. Auf der rechten Seite stehen demgegenüber Positionen zu traditionellen Gesellschaftsvorstellungen, einer freien Wirtschaft ohne staatliche Eingriffe, zuwanderungskritische Positionen und dem Wunsch nach mehr Sicherheit und Ordnung.

Obwohl diese verschiedenen Themen unterschiedliche Politikbereiche betreffen, ist es sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch in der politikwissenschaftlichen Forschung üblich, diese Positionen auf einer Dimension zusammenzufassen. Dies haben auch unsere Analysen der Parteipositionen gezeigt. Allerdings vertreten in der Wirklichkeit viele Menschen (und auch Parteien) “gemischte” Vorstellungen, d.h. sie vertreten in einigen Bereichen eher linke und in anderen Bereichen eher rechte Positionen. Daher sind auf dieser Dimension viele Wähler:innen und Parteien weder ganz links oder ganz rechts verortet, sondern nehmen Positionen dazwischen ein: eher links, eher rechts oder auch nahe an der Mitte.

Dimension auf der vertikalen Achse: Populistisch/EU-kritisch versus Unpopulistisch/EU-freundlich

Die vertikale Achse misst, ob Parteien eher populistisch/EU-kritisch oder eher unpopulistisch/EU-freundlich eingestellt sind. Die Politikwissenschaft definiert Populismus als eine Kombinationen verschiedener politischer Sichtweisen, die Politik und Gesellschaft in zwei Lager aufteilt, also von einem Schwarz-Weiß-Denken bestimmt ist. Populistische Parteien geben an, dass nur sie im Namen der Bevölkerung sprechen und sich für diese einsetzen. Aus Sicht des Populismus steht der Bevölkerung “das Establishment”gegenüber, eine mächtigen und korrupte Elite, die den Staat kontrolliert und nur ihre eigenen Interessen verfolgt. Dazu zählen sie Personen und Organisationen mit viel Einfluss: zum Beispiel die etablierten Parteien, aber auch die EU, Lobbyist:innen oder Manager:innen. Populistische Parteien haben sich zum Ziel gesetzt, die Herrschaft dieser “korrupten Elite” zu beenden. Dabei stellen sie die Bedeutung der Volkssouveränität und des Volkswillens über die Rechte und Freiheiten von Einzelpersonen und Minderheitsmeinungen. Sie ziehen daher Mehrheitsentscheidungen, zum Beispiel durch Volksabstimmungen, gegenüber Kompromissen, die in der liberalen Demokratie üblich sind, vor. Unsere Analysen haben gezeigt, dass populistische Ansichten häufig mit einer EU-kritischen Haltung einhergeht, weswegen unsere vertikale Achse auch Thesen zur EU umfasst.

Wer auf der vertikalen Achse am populistischen Ende verortet ist, stellt die Bedeutung der “normalen Bevölkerung” in den Vordergrund, hebt die Volkssouveränität hervor, ist kritisch gegenüber dem Establishment, Eliten und der EU eingestellt und zeigt ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken. Auf der anderen Seite stehen unpopulistische Vorstellungen, die andere politische Meinungen akzeptieren, politischen Eliten und der Regierung vertrauen, positive Einstellungen gegenüber der EU haben und Volksentscheide ablehnen. Auch hier zeigt sich häufig, dass Menschen und Parteien nur selten als vollständig populistisch oder unpopulistisch einordnen lassen, sondern meistens zwischen diesen beiden Extrempositionen verortet sind. Wie auch bei der Links-Rechts-Dimension geht es bei der Populismus-Achse darum, eine Tendenz in den eigenen Positionen zu erkennen.